Lünendonk-Interview mit Jens-Christian Jensen

Portrait Jens-Christian Jensen

Jens-Christian Jensen

Chief Strategy Officer, Plan.Net Group

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"Velocity ist nicht die Belohnung nach der Transformation, sondern der Motor für die Transformation."

Digitale Märkte verändern sich schneller denn je. In einer Zeit permanenter geopolitischer Spannungen und volatiler Rahmenbedingungen reicht Effizienz allein nicht mehr aus. Unternehmen müssen lernen, sich kontinuierlich und flexibel auf neue Gegebenheiten einzustellen.

Jens-Christian Jensen, Chief Strategy Officer der Plan.Net Group, plädiert im Interview für ein radikal neues Prinzip: Velocity – die Fähigkeit, schnell relevant zu bleiben. Er spricht darüber, wie Agenturen heute weit über kreative Leistungen hinausgehen, um Unternehmen ganzheitlich durch die Transformation zu begleiten.

LÜNENDONK: In vielen Unternehmen wird aktuell vor allem Effizienz gefordert – Kosten senken, Prozesse verschlanken, Budgets zurückfahren. Warum plädieren Sie stattdessen für „Velocity“ als neues Prinzip?

JENS-CHRISTIAN JENSEN: Weil Effizienz zwar notwendig ist, aber nicht genügt. Die Welt hat sich verändert – und mit ihr die Anforderungen an Marken und Unternehmen. Wir leben nicht mehr in stabilen, berechenbaren Märkten. Stattdessen erleben wir eine Zeit permanenter Rekonfiguration: geopolitische Spannungen, technologische Disruption, gesellschaftliche Verschiebungen. In so einer Welt reicht es nicht, Prozesse zu beschleunigen. Es geht darum, die Fähigkeit zur kontinuierlichen Neugestaltung zu entwickeln.

Velocity bedeutet: schneller relevant bleiben. Das ist keine reine Frage des Tempos, sondern vor allem der Anpassungsfähigkeit. Wer sich heute schnell auf neue Bedingungen einstellen kann, verschafft sich echte Wettbewerbsvorteile – nicht nur in der Kommunikation, sondern in der gesamten Wertschöpfung.

LÜNENDONK: Velocity bedeutet Veränderung – aber was bedeutet das für die Menschen in der Organisation?

JENS-CHRISTIAN JENSEN: Veränderung ist nie leicht – das gilt auch für Velocity. Aber wir erleben in vielen Projekten: Es geht nicht nur um neue Prozesse oder Tools. Velocity verändert die Art, wie Menschen arbeiten. Und das kann sehr befreiend sein. Wenn interne Strukturen vereinfacht werden, wenn Entscheidungen schneller getroffen und Verantwortung direkter übernommen werden, steigt oft auch die persönliche Relevanz des eigenen Beitrags. Menschen erleben mehr Wirkung. Das motiviert.

Die klassischen Ratschläge – klein starten, Erfolge sichtbar machen – gelten natürlich auch hier. Aber das Entscheidende ist: Velocity rückt den Menschen wieder ins Zentrum. Es geht nicht um Kontrolle, sondern um Wirkung. Und das schafft ganz neue Formen der Zusammenarbeit – mit mehr Autonomie, Klarheit und Zielorientierung.

LÜNENDONK: Was bedeutet Velocity für das Verhältnis von Marke und Konsumentinnen und Konsumenten?

JENS-CHRISTIAN JENSEN: Wir erleben eine nie dagewesene Dynamik im Verhalten und in den Erwartungen von Konsumentinnen und Konsumenten. Trends entstehen und vergehen in Echtzeit. Kommunikationskanäle verändern sich radikal. Markenbilder werden hinterfragt und neu bewertet – durch soziale Bewegungen, neue Generationen, globale Krisen.

In dieser Welt ist Relevanz kein stabiler Zustand mehr, sondern ein permanenter Prozess. Marken, die zu langsam reagieren, verlieren nicht nur Anschluss, sondern Vertrauen. Velocity wird damit zur Voraussetzung für starke Kundenbeziehungen.

Und das Schöne ist: Wer diese Dynamik ernst nimmt, kann sie für sich nutzen. Wir sehen bei unseren Kunden, dass schnelle Reaktion – durch frühzeitiges Erkennen, mutiges Testen und konsequente Umsetzung – unmittelbare Wirkung auf Marken-KPIs zeigt. Geschwindigkeit ist kein Selbstzweck, sondern schafft Nähe, Relevanz und Differenzierung

LÜNENDONK: Sie sprechen von Velocity als strukturelle Fähigkeit. Welche Faktoren bremsen Unternehmen aktuell am stärksten beim Thema Velocity und welche Voraussetzungen müssten geschaffen werden, um diese zu überwinden?

JENS-CHRISTIAN JENSEN: In unserer täglichen Arbeit sehen wir immer wieder die gleichen strukturellen Bremsen – unabhängig von Branche oder Unternehmensgröße. Es sind vor allem drei Dinge: Organisation, Technologie und Daten.

Klassische Unternehmensstrukturen folgen der Logik von Abteilungen, Hierarchien und Zuständigkeiten. Das führt in vielen Fällen zu einer organisatorischen Trägheit, bei der Verantwortung delegiert statt übernommen wird. Stattdessen sollten Unternehmen auf organisatorische
Modularität setzen, in der Teams entlang gemeinsamer KPIs arbeiten, eigenständig entscheiden und von Führung orchestriert statt kontrolliert werden.

Die zweite große Hürde ist die technologische Fragmentierung: Die meisten Unternehmen verfügen über beeindruckende IT-Landschaften, doch häufig als historisch gewachsene Insellösungen. Integration erfolgt nachträglich, oft provisorisch. Der Hebel zu mehr Velocity liegt in composable Architekturen, die flexibel kombinierbar und erweiterbar sind und die Customer Experience kanalübergreifend abbilden – auch für Kanäle, die es heute vielleicht noch gar nicht gibt.

Drittens bremsen Datensilos: Daten sind vorhanden, aber nicht verfügbar. Kundendaten liegen in verschiedenen Systemen, Marktdaten in unterschiedlichen Formaten, Performance-Daten in separaten Dashboards. Aus Daten wird Information, aber keine Erkenntnis, kein Wissen, keine Handlungskompetenz. Erst wenn Daten über intelligente Schnittstellen vernetzt und kontextualisiert werden, verwandeln sie sich in ein Navigationsinstrument, das Tempo und Präzision in Entscheidungen bringt.

Velocity bedeutet, Geschwindigkeit in Wirkung zu übersetzen – mit flexiblen Systemen, adaptiven Strukturen und vernetzten Datenräumen. Dafür müssen Unternehmen starre Planungskulturen hinter sich lassen und eine Kultur der permanenten Neuausrichtung etablieren.

LÜNENDONK: Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in dieser Entwicklung?

JENS-CHRISTIAN JENSEN: KI ist aus unserer Sicht der Katalysator für Velocity. Sie ersetzt nicht die grundlegende Transformation, aber sie beschleunigt sie massiv – vorausgesetzt, die Grundlagen stimmen.

Viele unserer Kunden erkennen gerade, dass KI die Automatisierung jener digitalen Prozesse ermöglicht, die bislang rein manuell waren: Content-Produktion, Analyse, Personalisierung, Orchestrierung. Damit wird aus Geschwindigkeit plötzlich Skalierung.

Aber: KI verstärkt immer das, was schon da ist. Wer fragmentierte Prozesse, unklare Datenlagen und starre Strukturen hat, wird durch KI nicht schneller, sondern chaotischer. Umgekehrt entfaltet KI dort ihr volles Potenzial, wo Organisation, Technologie und Daten bereits modular aufgestellt sind.

Wir unterscheiden aktuell drei Einsatzfelder:

  • Generative AI: Automatisierte Content-Erstellung – von Text bis Video – in hoher Geschwindigkeit und Qualität.
  • Decision Intelligence: Automatisierte Analysen, die datenbasierte Entscheidungen ermöglichen – zum Beispiel für Kampagnen-Optimierung oder Budgetsteuerung.
  • Agentic Systems: KI-Agenten, die selbstständig Aufgaben übernehmen – etwa das Monitoring, Reporting oder die Steuerung ganzer Workflows.

Ein Beispiel aus der Praxis: Wir entwickeln aktuell für mehrere Kunden sogenannte Content Supply Chains – also die AI-gestützte Automatisierung klassischer Produktionsprozesse. Aus angelieferten 3D-Daten entstehen auf Basis eines Journey-Frameworks komplette Marketingkampagnen und Leadstrecken, die sich durch KI-Agenten selbstständig optimieren.

LÜNENDONK: Wie verändert sich die Rolle von Agenturen in diesem Kontext?

JENS-CHRISTIAN JENSEN: Auch wir als Agentur müssen uns neu erfinden. Als Digitalagentur war es schon immer unsere Aufgabe, das Business unserer Kunden neu zu denken, zu verbessern und auf die nächste Stufe zu bringen – nicht nur in der Kommunikation, sondern auch in Marketing, Vertrieb und Service.

Wir begleiten Kunden nicht nur kreativ, sondern als Berater, Enabler und Umsetzer – bis hin zur Entwicklung und operativen Einführung vollständiger Marketing-Operating-Modelle. Künstliche Intelligenz ist in diesem Kontext die logische nächste Stufe: die Automatisierung einer bislang manuell betriebenen digitalen Transformation.

Gerade die Arbeit an Operating Modellen empfinden wir als besonders spannend – weil hier alles zusammenkommt: Strategische Beratung, technologische Exzellenz und operative Verantwortung. Wir entwickeln nicht nur Zielbilder und Prozessstrukturen, sondern betreiben für unsere Kunden auch selbst Teile des Marketings, Vertriebs und Service – mit einem klaren Anspruch: bessere Tools, smartere Architekturen, vernetzte Datenräume. Und eine Umsetzung, die Wirkung erzeugt.

Ein gutes Beispiel ist unsere Arbeit für BMW: Gemeinsam mit dem Kunden haben wir ein komplett neues Agenturmodell für die europäische Marketingorganisation aufgebaut. Dieses Modell hat die bisherigen Strukturen abgelöst – mit einem klaren Fokus auf Geschwindigkeit, Qualität und Wirkung.

Wir haben Prozesse neu definiert, standardisiert und skalierbar gemacht. Inhalte können heute effizient wiederverwendet und zentral orchestriert werden. Ein gemeinsamer Datenpool schafft die Basis für bessere Entscheidungen.

Mit KI heben wir dieses Modell auf die nächste Ebene. Einerseits durch ein Agent Framework, das repetitive Aufgaben in der Content-Produktion automatisiert – andererseits durch eine Decision-AI, die Daten explorierbar macht und Marketeers als Co-Pilot unterstützt. Die größten Effizienzgewinne sehen wir derzeit im Bereich der Content- Produktion: Aus angelieferten 3D-Daten entstehen entlang eines Journey-Frameworks vollautomatisiert Assets und Kampagnen – insbesondere im Lower Funnel. Zunehmend realisieren wir jedoch auch Projekte im Mid- und Upper Funnel. Die Vision einer AI-gestützten, selbstoptimierenden Content Supply Chain ist für uns keine Zukunftsmusik mehr, sondern gelebte Realität.

Velocity ist für uns deshalb nicht nur ein Beratungsthema, sondern ein Umsetzungsthema. Und vor allem: ein partnerschaftliches Thema.

LÜNENDONK: Was raten Sie Unternehmen, die jetzt mit Velocity starten wollen?

JENS-CHRISTIAN JENSEN: Nicht auf die perfekte Strategie warten. Velocity entsteht nicht durch PowerPoint, sondern durch Praxis. Der wichtigste Schritt ist, ins Tun zu kommen. Kleine Teams befähigen, neue Entscheidungsprozesse erproben, modulare Technologien pilotieren, Daten anders nutzbar machen. Wir erleben immer wieder: Velocity ist nicht die Belohnung nach der Transformation, sondern der Motor für die Transformation.

Und das Schöne ist: Die Grundlagen sind da. Die Frage ist nicht, ob Unternehmen über Talente, Technologien und Daten verfügen. Die Frage ist, wie sie diese Ressourcen kombinieren. Wer das schafft, hat einen echten Vorsprung.

 

Zuerst veröffentlicht in der Lünendonk-Studie zum Markt für Digital Experience Services in Deutschland.

Die komplette Lünendonk-Studie zum Markt für Digital Experience Services in Deutschland finden Sie hier.