Es sind schwierige Zeiten: für alle, keine Frage. Marketingtreibende navigieren zwischen multiplen Krisen und müssen doch oder gerade deshalb die Zukunft im Blick behalten. Campaign-Kolumnistin Franziska Gregor, Managing Director von Serviceplan Culture, fragt sich mit einem kritischen, aber auch positiven Blick nach vorn, was die Kund:innen dieses Jahr bewegen wird. Welche Trends werden ein Sommerhit und welche Innovationen bleiben uns langfristig erhalten?
1. Media, Plattformen & Systeme: Wir entern eine Post-Soziale-Netzwerke-Ära
Große soziale Plattformen verlieren ihr kulturelles Monopol. Wenn Algorithmen konsequent auf Entertainment optimieren, sticht irgendwann nichts mehr heraus. Unsere Feeds sind oft nur noch hook-first und dadurch leider zunehmend austauschbar. Communities driften weg von großen Social-Plattformen hin zu Umfeldern, die sich langsamer und vertrauenswürdiger anfühlen.
Reddit gewinnt Relevanz durch Meinung und offenen Diskurs. Pinterest wird zum Raum für Vibe Culture. Substack bringt glaubwürdige Stimmen zurück, statt viralen Geräuschpegels. Content rückt wieder näher an Formate, die man früher mit TV assoziierte: wiedererkennbare Charaktere und Formate, Kontinuität statt One-off-Clips. Davon wird sicherlich auch YouTube profitieren.
Dark Social: Rückzug ins Private
Teile unserer Zielgruppen ziehen sich in privatere Räume wie Discords, Snapchat oder Künstler:innen-WhatsApp-Gruppen zurück. Einfluss entsteht dort nicht mehr sichtbar für alle, sondern im Verborgenen. 2026 misst sich Relevanz weniger an Follower-Zahlen als an Zugang. Marken, die in diese intimen Kontexte eingeladen werden, gewinnen etwas, das Algorithmen nicht nachbilden können: Glaubwürdigkeit und Beständigkeit. Dark Social ist nicht per se skalierbar, aber genau hier entsteht echte langfristige Loyalität.
Case: "Bilt "Roomies"
"Roomies" ist eine Social-native Serie der US-Fintech-Marke Bilt, die gezielt auf Reichweite, Authentizität und langfristige Markenbindung setzt – ohne klassische Werbung oder sichtbares Product Placement. Die episodische Serie läuft exklusiv auf TikTok und Instagram und erzählt im Mockumentary-Stil das Leben einer jungen Frau, die von Ohio nach New York zieht und sich mit WG-Alltag, Karrierefragen und Beziehungen auseinandersetzt. Der Content wird über einen eigenen Account ausgespielt (nicht über den offiziellen Bilt-Channel), um Entertainment klar von Brand-Kommunikation zu trennen. Das Ergebnis: Hunderttausende Follower, Millionen Views – und das rein organisch, ohne Paid Media.
Kommentarspalten: Der neue Marktplatz der Meinungen
Öffentliche Feeds verlieren an Relevanz. Bedeutung entsteht, wie auch schon im letzten Jahr, in den Kommentarspalten. Hier zünden Witze schneller, Kritik trifft härter und öffentliche Wahrnehmung formt sich in Echtzeit. In dieser Hot-Take-Ökonomie entsteht Einfluss nicht nur durch Creator:innen, sondern oft auch durch überraschende Unbekannte in den Replies. Für Marken wird jeder Kommentar-Thread zum Live-Testfeld und zur Mikro-Bühne. 2026 gewinnt, wer Gespräche selbst als Content versteht: reaktionsschnell, überall gleichzeitig.
Von SEO zu GEO: Relevanz ohne Suchmaschine
Der Übergang von SEO (Search Engine Optimization) zu GEO (Generative Engine Optimization) ist bereits im Gange. Da Nutzer:innen zunehmend auf KI-basierte Antwortsysteme statt auf klassische Suchergebnisse zurückgreifen, geht es bei Sichtbarkeit nicht länger um Keywords, sondern um Glaubwürdigkeit.
2026 konkurrieren Marken nicht mehr um Rankings, sondern darum, als Quelle anerkannt zu werden. In einer searchless Zukunft greifen KI-Systeme auf Inhalte zurück, die sie als vertrauenswürdig, klar strukturiert und kontextuell relevant bewerten. Markenrelevanz hängt künftig davon ab, wie sauber Daten, Narrative und Signale für maschinelle Interpretation aufbereitet sind – nicht davon, wie laut Marken sprechen, sondern wie präzise sie zitiert werden können.
Bot-to-Bot-Commerce
Wir treten in das Zeitalter des Agentic Commerce ein: KI-Agenten empfehlen nicht mehr nur, sie treffen Entscheidungen. Autonome Systeme werden alltägliche Einkäufe, Abonnements und Nachbestellungen im Auftrag von Menschen verwalten. Da emotionale Ansprache im Moment der Transaktion an Bedeutung verliert, müssen Marken lernen, eine nicht-menschliche Logik zu überzeugen: Hier zählen Effizienz, Belegbarkeit, Kompatibilität und Performance. Marketing wird künftig nicht nur Menschen überzeugen müssen, sondern Maschinen.
2. Kommunikation, Culture & Wirkung
Nur das Gefühl zählt! Wie viel Entertainment braucht der Mensch?
In einer Welt, in der Aufmerksamkeit knapp ist, zählt der emotionale Nachhall mehr als die eigentliche Botschaft. Ein Vibe entsteht im Spannungsfeld zwischen Marke, Menschen, Community und Kontext. Genau dort liegt seine Stärke – und sein Risiko. KI-generierter Content hat diesen Wandel zusätzlich beschleunigt. Ein Vibe lässt sich schneller erzeugen als eine klassische Storyline. Emotion steht über reiner Information. Visuals, Sound, Text – lose miteinander verbunden, aber vereint durch eine gemeinsame emotionale Temperatur.
Plattformen, die in diesem Umfeld funktionieren, sind Pinterest, Reddit, Substack und – leise, aber spürbar – auch Tumblr mit einem Comeback. Vibe Decoding beschreibt kulturelle Resonanz und Kontextsensibilität als Fähigkeit. Das eröffnet Raum für Menschen, die ihr Handwerk und ihre Communities wirklich verstehen: Autor:innen, Poet:innen, Designer:innen, Fotograf:innen. Und es öffnet die Tür zurück zu IRL, zu geteilten Momenten. Man denke an den Aufstieg nostalgischer französischer Journaling-Ästhetiken rund um die Marke Louise Carmen auf TikTok.
In dem Moment, in dem sich Produkte über Features kaum noch unterscheiden lassen, werden Emotion und Vibe zum eigentlichen Differenzierungsmerkmal. Oder, wie Regisseur Werner Herzog es formulierte: "There is such a thing as poetic, ecstatic truth."
Case: Elf Beauty "Zero Distance"
Zero Distance ist ein neues Substack-Newsletter- und Content-Format, das Elf Beauty ins Leben gerufen hat, um direkter mit der Community zu kommunizieren und Einblicke in das Unternehmen, die Kultur und die Menschen hinter der Marke zu geben. Zero Distance steht für den Anspruch, die Distanz zwischen Marke und Community vollständig aufzulösen. Es soll als operatives Prinzip verstanden werden: die Marke zeigt sich offen, transparent und nahbar – ohne Filter, ohne Werbefloskeln.
Die Rückkehr des Menschlichen
Während Feeds von synthetischer Perfektion und KI-Ästhetiken überflutet werden, setzt eine Gegenbewegung ein. Zielgruppen wenden sich Arbeiten zu, die roh wirken, Textur haben und unverkennbar menschlich sind. Nicht inszenierte Authentizität, sondern spürbare Echtheit. Design verschiebt sich in Richtung bewusster Imperfektion: handgemachte Elemente, emotionale Reibung, sichtbare Prozesse. Was früher unfertig wirkte, gilt heute als hochwertig. In einer Ära, in der vieles durch Algorithmen optimiert wird, wird das Menschliche selbst zum Differenzierungsmerkmal.
Von Influence zu Infrastruktur
Das klassische Influencer-Modell wandelt sich. Full-Service-Creator:innen, die ganze Welten bauen – nicht nur einzelne Posts –, gewinnen an Relevanz. Sie entwickeln Konzepte, führen Regie, gestalten und distribuieren Inhalte end-to-end. Reichweite weicht Resonanz. Vertrauen entsteht in Nischen, nicht in massenhafter Sichtbarkeit. Micro-Creator:innen schlagen Celebrities nicht, weil sie lauter sind, sondern weil sie eingebettet sind. Marken beginnen, Creator:innen weniger als Media-Buys zu behandeln und mehr als kreative Partner:innen zu begreifen.
3. IRL, Erlebnisse & Vertrauen
Loneliness Economy: Warum Präsenz wieder zählt
Community wird zur neuen Dimension von Content. Nach Jahren digitaler Übersättigung verlagert sich Culture zurück in den physischen Raum: Konzerte, Pop-ups, Sportvereine, Fashion-Week-Watch-Partys, Fandom-Treffen. IRL ist kein Nice-to-have mehr. Es ist das Main Event. Gesucht wird nicht Reichweite, sondern Zusammengehörigkeit. Geteilte Momente. Kollektive Emotion. Teil von etwas zu sein, das nur einmal passiert. Marken, die hier gewinnen, sind nicht einfach physisch präsent – sie ermöglichen Zugehörigkeit.
Analoge Begegnungen und haptische Erfahrungen
Vertrauen entsteht durch Berührung. Gen Z und Gen Alpha stoßen früh an digitale Überlastung. Endloses Scrollen, KI-Bildwelten und visuelle Überforderung untergraben Vertrauen. Unsere jüngeren Zielgruppen wenden sich wieder dem Physischen zu – nicht aus Nostalgie, sondern als Erdung.
Vinyl ersetzt Playlists. Gedruckte Bücher schlagen Screens. Magazine kehren zurück: kuratiert, sammelbar, bewusst gestaltet. Digitalkameras und Lo-Fi-Ästhetiken stehen für Imperfektion und Erinnerung statt Optimierung. Entscheidend ist: Es geht nicht um offline statt digital, sondern um eine Schleife zwischen beidem. Digitale Entdeckung befeuert IRL-Begehren. Was berührt, besessen oder erlebt werden kann, schafft Glaubwürdigkeit in einem Zeitalter synthetischer Alles-ist-möglich-Ästhetiken.
Popkultur als Reiseziel
Kulturelle IP ist reisetauglich geworden. Fans wollen längst nicht mehr nur Merch, sie wollen Momente. Von Period-Drama-Tourismus bis zu immersiven Entertainment-Welten wird Popkultur zur Pilgerreise. Für Marken liegt die Chance darin, Erlebnisse zu inszenieren statt Symbole zu verkaufen. IP-getriebene Welten schaffen Zugehörigkeit statt Transaktionen und Erinnerung statt Reizüberflutung.
4. Körper-, Geist- & Lifestyle-Veränderungen
Entschleunigung als radikaler Akt
Nach Jahren der Überstimulation, Beschleunigung und KI-Druck suchen viele Menschen nach Weichheit. Ruhe, Fokus und Selbstregulation ersetzen Intensität als neues Ideal. Handwerk verdrängt Scrollen. Stricken, Malen, Gärtnern, Schach, kreatives Schreiben und analoge Hobbys kehren als geteilte Rituale zurück. Etwas Greifbares zu schaffen, wird zur Belohnung. Cozy Communities ersetzen das Nachtleben. Denken wird wieder Freizeit. Fürsorge wird Culture.
Der Körper als Interface
Bedeutung verschiebt sich hin zur Wahrnehmung. Wahrheit liegt zunehmend in dem, was der Körper spürt, bevor der Verstand es rationalisieren kann. Somatic Intelligence gewinnt an Bedeutung: Erlebnisse werden gezielt so gestaltet, dass sie präkognitive, körperliche Reaktionen auslösen. Design wird sinnlich und räumlich – eine neurologische Schnittstelle, die Stimmung, Fokus und emotionale Regulation beeinflusst. Das zeigt sich in Out-of-Home-Formaten, die nicht nur gesehen, sondern gerochen oder berührt werden können. In Sounddesign, das Räume emotional auflädt, Orientierung schafft oder Sicherheit vermittelt. Bedeutung entsteht nicht mehr allein durch Sprache, sondern durch das Zusammenspiel von Körper, Raum und Reiz.
Bewegung wird Zugehörigkeit
Sport entwickelt sich von reiner Performance zu sozialer Infrastruktur. Laufgruppen, Cycling Crews und Gyms werden zu Orten, an denen man sich trifft, datet und Routinen aufbaut. Von Tracking zu Belonging. Community-first-Sportformate gewinnen IRL an Bedeutung: Basketball, Roller Skating, Eishockey, Tischtennis.
Nach Jahren des Glattpolierten und der Gleichförmigkeit suchen Menschen wieder nach Reibung und Textur: nach sichtbaren Spuren menschlicher Arbeit. Glaubwürdigkeit entsteht dort, wo etwas erlebt und bezeugt werden kann.
This article was first published by Campaign Germany.